Pastorenamt 2Ein deutscher Pfarrer scheint das Problem erkannt zu haben und bestätigt: Das Pastoren- resp. Pfarramt entstammt keineswegs der Bibel!
Quelle: Livenet
Was die Volkskirche kann – wenn sie will „Die
neue Reformation – Vorüberlegungen zu einer neuen kirchlichen
Gesetzgebung“: Unter diesem Titel hielt Pfarrer Dr. Klaus Douglass,
Niederhöchstadt bei Frankfurt, am 17. September 2002 in der
Aussprachesynode der reformierten Zürcher Landeskirche einen Vortrag. Douglass
fordert die Kirche auf, sich konsequent an den Bedürfnissen der
Menschen zu orientieren und ihre Strukturen durchgreifend zu
vereinfachen. – Livenet dokumentiert den Vortrag, der von seiner
Aktualität nichts verloren hat, in gekürzter Form (Zwischentitel von
der Redaktion).
Meine verehrten Damen und Herren,
ich
bedanke mich herzlich für die Möglichkeit, auf Ihrer Aussprachesynode
zu referieren. Zum einen ist das eine grosse Ehre für einen
gewöhnlichen Gemeindepfarrer, zum anderen bedeutet Ihre Einladung für
mich auch eine ziemliche Überraschung.
Als ich in meinem Buch
«Die neue Reformation» schrieb, wir hätten in der Kirche viel zu viele
Gesetze, Regeln und Vorschriften und die Synoden sollten sich ernsthaft
Gedanken darüber machen, wie sie das bestehende Regelwerk durch ein
deutlich abgespecktes, flexibleres ersetzen können, habe ich nicht im
Ernst daran geglaubt, dass sich eine Synode im deutschsprachigen Raum
auf absehbare Zeit ernsthaft auf ein solches Vorhaben einlassen würde.
Wenn wir als Kirche überleben wollen… Man
mag sich fragen, warum ich den Vorschlag denn dann gemacht habe. Die
Antwort ist ganz einfach: Weil wir keine andere Wahl haben, wenn wir
als Kirche die nächsten Jahrzehnte überleben wollen. Sie haben das
(meines Wissens) als erstes erkannt und schicken sich an, es in die Tat
umzusetzen. Dafür zolle ich Ihnen tiefen Respekt.
Ich möchte
Ihnen heute morgen gerne Mut machen, es nicht nur mit einer mehr oder
minder einschneidenden Reform Ihrer Kirchengesetzgebung zu versuchen,
sondern mit einer umfassenden Reformation Ihres kirchlichen Systems
überhaupt. Was ist der Unterschied?
…tut mehr als Reform Not Eine
Reform ist eine mehr oder minder grosse Verbesserung eines bestehenden
Zustandes. Eine Reform betrifft meist einen Teilbereich eines komplexen
Gesamtsystems. Sie kann mehr oder weniger weit gehen, wirkt aber im
Endeffekt systemstabilisierend. Zumeist wird sie durch einen Menschen
oder durch ein Gremium erlassen, das dazu die Machtbefugnisse hat.
Reformen können zwar durch die Basis angeregt werden, werden aber in
der Regel «von oben» verordnet.
Anders die Reformation: Hierbei
geht es nicht nur um eine graduelle Verbesserung, sondern um eine
grundlegende Veränderung des Bestehenden. Eine Reformation bezieht sich
nicht nur auf einen Teilbereich – und sei er noch so gross –, sondern
auf das System selber. Weil dem so ist, werden Reformationen nur selten
durch «Machthaber» erlassen. Hierbei gibt es löbliche Ausnahmen, in
aller Regel aber werden Reformationen «von unten» initiiert.
Klimawechsel Eine
Reform verhält sich zur Reformation wie eine Erderschütterung zu einer
geotektonischen Umbildung, wie ein reinigendes und befruchtendes
Gewitter zu einem Klimawechsel, der eine völlig neue Fauna und Flora
hervorbringt. Letzteres ist es, was wir als Kirche brauchen. Wir
brauchen sie
- zum einen und zuallererst aus theologischen
Gründen. Ich glaube, dass unsere Kirche sich meilenweit von dem
entfernt hat, was sie nach der Absicht Gottes eigentlich sein sollte.
Das, was wir Kirche nennen und das, was sich das Neue Testament
darunter vorstellt, dazwischen stehen Welten – und zwar nicht nur der
«garstige Graben der Geschichte» oder der unterschiedlichen Kultur. Wir
haben uns vielmehr von vielen grundlegenden Prinzipen des
neutestamentlichen Gemeindeaufbaus schon seit langem verabschiedet –
und haben derzeit die Riesenchance, diese wiederzuentdecken und wieder
mit an Bord zu nehmen.
- Denn zweitens stecken wir derzeit
binnenkirchlich in einer gewaltigen Krise. Wir müssen uns ändern,
allein schon aus bedrängenden Sachzwängen heraus. Ich brauche das nicht
weiter auszuführen, sondern nenne nur die Stichworte: rückläufiger
Gottesdienstbesuch, allgemeiner Mitgliederschwund, immer weniger Geld
in den Kassen usw. Wir sind in einer gewaltigen Krise.
Aber
Krisen, meine Damen und Herren, sind nie nur negativ! Krisen sind immer
auch Herausforderungen an uns, neue Wege auszuprobieren. In jeder Krise
steckt ein enormes schöpferisches Potenzial. Wer sich einer Krise nicht
nur passiv hingibt, sondern ihre Herausforderung annimmt, fängt an,
zwangsläufig unkonventionell zu denken, er probiert Dinge aus, die er
noch nie getan hat, er findet neue Wege und macht neue Erfahrungen.
-
Drittens schliesslich haben sich das Lebensgefühl, die Sozialformen,
die Kommunikationsmittel, die Werte und Prioritäten sowie die
kulturellen und anderen Bedürfnisse der Menschen um uns herum rapide
geändert. Und es ist wenig erkennbar, dass die Kirche allzu sehr auf
diesen allgemeinen Wandel eingegangen ist. Wir führen unsere Gemeinden
und feiern unsere Gottesdienste immer noch weit gehend nach dem alten
Strickmuster vergangener Zeiten. Und damit verlieren wir mehr und mehr
den Anschluss an die Menschen von heute.
Auf diese Art und Weise
wird die Kirche mehr und mehr zum Sammelbecken alter, müder und
resignierter Menschen, die den Wandel der Welt nicht mehr verstehen und
die hoffen, wenigstens in der Kirche einen Hort des Ewig-Bleibenden
bzw. des guten Alten zu finden. Das ist – neben den Kasualien und
unseren umfänglichen diakonischen Aktivitäten – sozusagen die
«ökologische Nische», die uns in dieser Gesellschaft bleibt – und ich
bin mir nicht sicher, ob wir uns damit zufrieden geben können.
Drei Gründe sprechen also für eine neue Reformation inmitten der bestehenden protestantischen Kirche: - Gott will es so; er hat seine Kirche anders gedacht. - Wir müssen uns ändern, wenn wir die derzeitige Kirchenkrise überleben wollen. - Eine Volkskirche muss den Menschen ihrer Zeit viel näher sein als wir das derzeit tun.
Ich
möchte Ihnen im Laufe der nächsten Stunde sagen, an welchen Punkten ich
Änderungsbedarf sehe. In meinem Buch «Die neue Reformation» nenne ich
zwölf Punkte, auf die Sie als Synodalinnen und Synodale aber nicht
immer direkten Einfluss haben. Sehr viele der notwendigen Veränderungen
können nicht «von oben» verordnet werden, sie müssen «von unten» aus
den Gemeinden wachsen. Sie können dazu lediglich die Voraussetzungen
schaffen bzw. Hindernisse dazu beseitigen.
Eine Ordnung der Kirche, die Gemeinden zum Neuanfang befähigt Darum
beschränke ich mich auf sieben Punkte, in welche Richtung eine neue
Kirchengesetzgebung gehen sollte, um den Gemeinden die Möglichkeit zu
geben, die nötigen Änderungen durchzuführen. Wenn Sie es sich genau
anschauen, werden Sie merken, dass diese Punkte alle um die gleiche
Achse kreisen.
1. Das herkömmliche Pfarramt abschaffen Die
erste Änderung: Schaffen Sie das herkömmliche Pfarramt ab. Ich fange
gleich mit dem Radikalsten an und weiss, ich mache mir mit diesem
Vorschlag nicht nur Freunde. Aber mit Ihrem Unterfangen, die komplette
Gesetzgebung Ihrer Kirche zu verändern haben Sie eine
Jahrhundertchance. Und diese Chance wäre vertan, wenn Sie diese
wesentliche und wichtigste Änderung nicht vornehmen würden, an der zwar
nicht alles, aber doch so vieles hängt.
Bitte hören Sie genau
hin! Ich sage nicht: «Schaffen Sie die Pfarrerinnen und Pfarrer ab».
Ich sage vielmehr: «Schaffen Sie das herkömmliche Pfarramt ab.» Das
Pfarramt, so wie wir es kennen und wie es sich seit Jahrhunderten
etabliert hat, ist ein Krankheitssymptom unserer Kirche. Es entstammt
keineswegs der Bibel.
Das an sich ist noch nicht schlimm, denn
in der Bibel gibt es auch vieles andere noch nicht: beispielsweise
keine Gemeindesekretärin. Aber das Pfarramt, so wie wir es kennen,
unterläuft und sabotiert geradezu das neutestamentliche Bild von
Gemeinde. Jetzt sagen Sie mit Recht: «Ein Hirten- bzw. Pastorenamt gibt
es doch auch im Neuen Testament.» Aber das Hirtenamt des Neuen
Testamentes ist etwas völlig anderes als unser Pfarrberuf.
Das
Pastorenamt im Neuen Testament ist stark geprägt von persönlichen
Beziehungen. Darum hat der Pastor im Neuen Testament auch immer nur
eine relativ kleine, überschaubare Gruppe um sich herum, in der Regel
zwischen 10 und 20 Leuten. Das Pastorenamt im Neuen Testament ist ein
wichtiges, aber keineswegs das wichtigste Amt.
Neutestamentliche
Gemeinden werden vielmehr von Teams geleitet, in denen neben den
Pastoren noch Apostel, Evangelisten, Lehren und Propheten sitzen. Ich
habe jetzt nicht die Zeit, diese Ämter einzeln zu erklären, sondern
beschränke mich auf den für unseren Zusammenhang entscheidenden
Hinweis, dass die Funktionen aller fünf Ämter im Lauf der Jahrhunderte
auf eine einzige Person konzentriert wurden: eben den heutigen Pfarrer.
Und so ist es bis heute geblieben.
Das Anforderungsprofil an
einen Pfarrer ist unglaublich! Der Pfarrer soll alles machen: Die
Kinder lehren, den Konfirmandenunterricht halten, die Alten besuchen,
den Kranken beistehen, Kinder taufen, Trauungen und Beerdigungen halten
und dazu selbstverständlich die nötigen Vor- und Nachgespräche führen.
(…)
Freilich ist die Not nicht nur für die betreffenden
Pfarrerinnen und Pfarrer sehr gross. Genauso leiden die Gemeinden unter
der Pfarrer(innen)zentrierung. Denn die Gemeinde wird auf diese Weise
unmündig gehalten. Der frühere Leiter des Amts für Gemeindeaufbau in
Österreich, Klaus Eickhoff, hat einmal ziemlich drastisch gesagt, dass
unsere pfarrerzentrierten Gemeinden zu «geistlichen
Behindertenanstalten» degeneriert seien: Das «Dienen» der Pfarrer sei
mit einer Mutter zu vergleichen, die zu ihrem Kind sagt: «Du brauchst
nie laufen zu lernen. Ich laufe ein Leben lang für dich.»
Indem
sie dem Kind tatsächlich alles abnimmt – und damit auf Dauer natürlich
auch eine bestimmte Anspruchs- und Erwartungshaltung bei diesem Kind
weckt –, bewirkt sie, dass das Kind ein Leben lang mit unentwickelten
Beinen im Bett liegt.
Ich sage noch einmal: Das ist keinem
Pfarrer persönlich anzulasten. Diese Struktur ist über die Jahrhunderte
angewachsen und hat sich bis in die Strukturen unserer Kirche hinein
verfestigt. Beide Seiten leiden darunter, aber Gemeinde wie
Pfarrer(innen) sind davon überzeugt: So muss es sein!
Und so
begnügt sich die Gemeinde damit, mehr schlecht als recht, aber doch
immerhin bedient zu werden, und der Pfarrer gibt sich dem sicherlich
nicht unberechtigten Gefühl hin, dass er die wichtigste Person der
Gemeinde ist und dass ohne ihn nichts läuft. Anspruchs- und
Servicedenken auf der einen sowie das gute Gefühl, gebraucht zu werden
und unentbehrlich zu sein, auf der anderen Seite vereinigen sich im
herkömmlichen Pfarramt zu einer verhängnisvollen Symbiose. In unseren
Gemeinden, aber auch in den Herzen vieler Pfarrer herrscht eine
schreiende Not.
Die derzeitigen Strukturen unserer Kirche
mitsamt dem Pfarrerbild, das unsere Kirchenordnung vermittelt,
zementieren diese Not auch noch. Sie als Synode haben die Möglichkeit,
das zu ändern – bitte tun Sie es! Planen Sie dafür Übergangszeiten ein
– das gilt übrigens für alle von mir gemachten Vorschläge –, schaffen
Sie Härtefällregelungen, bieten Sie Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten
an, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer diesem neuen Berufsbild auch
entsprechen können (sie sind darauf ja nicht unbedingt vorbereitet),
ändern Sie Ihre Curricula bei der Pfarrerausbildung. Sie fragen sich,
in welche Richtung. Davon redet mein nächster Punkt:
2. Den Schatz wieder entdecken: Alle sollen geistlich wirken… Die zweite Änderung: Aktivieren Sie das allgemeine Priestertum der Gläubigen.
Wenn
ich mich hier nachhaltig für die Aufhebung der
Pfarrer(innen)zentrierung ausspreche, dann bedeutet das keineswegs,
dass ich für die Auflösung des Pfarrerstandes plädiere. Der Pfarrer
wird auch in Zukunft ein wichtige Rolle spielen. Allerdings eine völlig
andere als bisher. Um es in einem Schlagwort zusammenzufassen: Der
Pfarrer wird in Zukunft nicht mehr die priesterähnliche Gestalt im
Mittelpunkt der Gemeinde sein, sondern er ist vielmehr der Anleiter der
Priesterschaft.
Hinter diesem Gedanken steht, wie Sie unschwer
erraten können, die neutestamentliche Konzeption des allgemeinen
Priestertums aller Gläubigen. Diese ist im Lauf der Jahrhunderte völlig
verschüttet worden, bis Martin Luther diese Lehre wiederentdeckte und
sie als einen der Eckpunkte des protestantischen Glaubens bezeichnete.
Was er damit machte, war nicht mehr und nicht weniger, als dass er im
Rückgriff aufs Neue Testament die über ein Jahrtausend festgefügte
Trennung zwischen sogenannten «Geistlichen» und so genannten «Laien»
aufhob.
Von dieser Sicht der Dinge haben wir uns weit entfernt.
In der evangelischen Kirche ist es längst wieder üblich, von
«Geistlichen» und von «Laien» zu reden – mit allen Folgen, die das für
die eine wie für die andere Seite hat. In einer tödlichen Mischung aus
Trägheit und Bequemlichkeit auf der einen und einem stark ausgeprägten
Kontrollbedürfnis auf der anderen Seite haben wir uns selbst dieses
ungeheuren Schatzes beraubt.
Predigt, Seelsorge und Unterweisung
– also die theologischen Schlüsselaufgaben – sind auch 500 Jahre nach
der Reformation die alleinige Domäne der Pfarrer. Für die Laien blieben
meist nur die Hilfsjobs. Sie dürfen in unserer Kirche in aller Regel
nur Handlangerdienste tun. Sie dürfen «den Pfarrer unterstützen». Die
eigentliche geistliche Kompetenz aber liegt faktisch beim Pfarrer.
Sogar, wenn es um ein simples Tischgebet geht, schauen alle auf ihn.
Auf
kaum einem Gebiet hat in unserer Kirche eine so starke Rekatholisierung
stattgefunden wie auf diesem. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Ich
habe mal eine an sich ziemlich rege Gemeinde besucht, die eines
Sonntags über einen ihrer Kircheneingänge das Schild hängte: «Nur für
Geistliche». Was meinen Sie, was es vor der anderen Tür für ein
Gedränge gab! (…)
…und der Pfarrer soll sie anleiten und motivieren Vor
einigen Jahren hatte ich eine persönliche Krise. Ein gesundheitlicher
Einbruch legte mich für mehrere Monate lahm, und selbst als ich wieder
einigermassen bei Kräften war, merkte ich, dass ich nur noch 80% meiner
vorherigen Leistungskraft hatte. Ich bat Gott damals inständig um die
Wiederherstellung meiner früheren Leistungsfähigkeit. Gott erhörte mein
Gebet, aber auf völlig andere Weise, als ich mir das vorgestellt hatte.
Meine
Kraft kam nicht zurück, sodass ich nach einiger Zeit zu meinen
Kirchenvorstehern und Hauskreisleitern ging und ihnen sagte: «Leute,
ich schaffe es nicht mehr. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft, die
vielen dringlichen Dinge zu tun, die man von mir erwartet. Wir müssen
uns anders organisieren. Ich bitte euch um folgendes: Macht ihr den
pastoralen Dienst. Ich sorge dafür, dass ihr mit dem Wort Gottes
versorgt werdet und dass die Gemeinde aufgebaut wird. Darin will ich in
Zukunft meine Zuständigkeit sehen: dass die Gemeinde wächst und dass
ihr geistlich gut versorgt werdet. Ich will dafür Sorge tragen, dass
Ihr dazu in Stand versetzt werdet. Ihr aber geht hin und kümmert euch
um die Leute!»
Heute denke ich, dass damals mit das
Grossartigste passiert ist, was einem Pfarrer und einer Gemeinde
widerfahren kann. (…) Das Prinzip, dem ich damals – weniger aus Tugend,
als vielmehr aus Not! – auf die Spur gekommen war, lautet: «Ein Pfarrer
kann sich nicht zerteilen, aber er kann sich vervielfältigen» (Klaus
Eickhoff).
Heute glaube ich, dass das die eigentliche Aufgabe
des Pfarrers ist. Mehr noch: Ich glaube, dass das die Aufgabe aller
hauptamtlichen Kräfte in der Gemeinde ist, zumindest wenn sie in
irgendeinem geistlichen Bereich mitarbeiten. Ob Kirchenmusiker oder
Jugendleiterin, ob Sozialarbeiterin oder Diakon: Ich würde eine
hauptamtliche Kraft heute nur noch einstellen und dafür bezahlen, dass
sie sich multipliziert. Dass sie die mannigfaltigen Gaben, die in jeder
Gemeinde vorhanden sind, freilegt und die entsprechenden Menschen
fördert und begleitet. (…)Wir dürfen Hauptamtliche nicht in erster
Linie dafür bezahlen, dass sie die anstehende Arbeit machen, sondern
wir müssen sie dafür bezahlen, dass sie dafür sorgen, dass die
anstehende Arbeit auch ohne sie geschieht. Das gilt auch und vor allen
Dingen für die Pfarrerin und den Pfarrer.
Dazu ist uns die Gabe
der Leitung gegeben: zur Entfaltung der anderen Gaben! (…) Der Pfarrer
mag zuständig für den Gottesdienst sein, aber das kann nur bedeuten,
dass er ein grosses Team von Menschen aufbaut, die ihm dabei nicht nur
Handlangerdienste leisten, sondern selber «gottesdienstfähig» werden.
Den
Religions- und Konfirmandenunterricht soll er nur selber halten, wenn
er eine Gabe für Kinder und Jugendliche hat – sonst richtet er mehr
Schaden an als Gutes. Stattdessen soll er Sorge dafür tragen, dass
Leute aus der Gemeinde mit dem entsprechenden Herzen und der richtigen
Gabe diese Aufgaben versehen. Ich wüsste keine einzige Aufgabe, die des
Pfarrers alleinige Domäne wäre und wo er nicht den Auftrag hätte,
ehrenamtliche Gemeindeglieder zu befähigen, das intensiv und gut zu
tun, was er infolge seiner Aufgabenfülle immer nur oberflächlich und
nie richtig tun kann.
Die Rolle des Pfarrers wechselt sozusagen
vom «Spieler» zum «Trainer». Früher gestaltete der Pfarrer das Spiel.
Er war Torwart, Abwehrspieler, Libero und Stürmer zugleich – und die
Gemeinde schaute zu und bewertete sein Spiel. In Zukunft wird es so
sein, dass nicht mehr der Pfarrer das «Spiel» bestreitet. Jedenfalls
nicht mehr alleine. Viele der früheren Zuschauer werden auf das
Spielfeld gewechselt sein. Sie werden die Erfahrung machen, dass
Fussballspielen viel mehr Freude macht als Zuschauen. (…)
Sie
als Synodale und Synodalinnen haben es heute in der Hand, die
Kirchenordnung auf diese Richtung hin zu verändern. Ändern Sie die
Dienstanweisung für die Pfarrerinnen und Pfarrer dahingehend, dass Sie
ihnen weniger Spieler- als vielmehr Trainerfunktionen zuordnen. Und
konzipieren Sie die Gemeinden so, dass sie schon von der Struktur her
sich eben nicht um die Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern um das
allgemeine Priestertum drehen.
3. Gemeinden als Multiplikationsstätten des Evangeliums... Die dritte Änderung: Machen Sie Ihre Gemeinden zu Multiplikationsstätten des Evangeliums.
Ich
ringe hier etwas nach Worten. «Multiplikationsstätten» gefällt mir
selber nicht. Worum es mir geht, dass wir endlich damit aufräumen,
unsere Gemeinde als Endverbraucherstätten anzusehen: Die Hauptamtlichen
bieten den Service, die Gemeindeglieder begnügen sich mit der
Konsumentenrolle. Dieses Bild hat sich zwar allgemein eingebürgert, ist
aber grundlegend falsch.
In Epheser 4, 11-12 heisst es: «Er (=
Jesus) hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige
als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen
zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi
erbaut werden.» (…) Die Pastoren sind ohnehin nur ein Teil der
Führungsmannschaft der Gemeinde, deren gemeinsamer Auftrag es ist, die
«ganz normalen» Gemeindeglieder zum Dienst zuzurüsten und anzuleiten.
Mir ist in diesem Zusammenhang wichtig, was das für unser Bild von
Gemeinde bedeutet:
Gemeinde, so verstanden, ist nämlich nicht
ein Rückzugsort oder eine Wagenburg der letzten Frommen, die sich und
ihre Kultur gegen den Rest der Welt verteidigen. Sie ist nicht primär
die Hürde, in der die Schafe Unterschlupf finden und gepflegt werden,
sondern Gemeinde nach neutestamentlicher Vorstellung ist sehr viel
offensiver. Sie ist Ausgangspunkt einer Bewegung, die hinausstrahlt in
die Welt, die wie ein Sauerteig um sich greift, um alles um sich herum
mit der Botschaft von der Liebe Gottes anzustecken.
Bonhoeffer hat einmal gesagt: «Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.» Damit hat er recht.
…Gemeinschaften mit Ausstrahlung… Das
Wesen der Gemeinde Jesu ist Pro-Existenz (= da sein für andere). Darum
komme ich noch einmal mit dem Begriff: Multiplikationsstätte. Gemeinde
ist der Ort, wo Menschen lernen, ihren Glauben zu multiplizieren, das
heisst ihn mit anderen zu teilen, ihn weiterzugeben. «Was nicht zum
Dienst wird, wird zum Raub» sagt Martin Luther. Das gilt auch und
zuallererst für den christlichen Glauben.
Glaube ist nichts, was
ich für mich selbst behalten kann, sonst zerrinnt er mir unter den
Händen. Bei vielen Menschen ist die Gemeinde der Ort, wo sie zum
Glauben finden, aber sie muss darüber hinaus auch zum Ort werden, wo
sie im Glauben wachsen können, bis dieser Glaube so reif ist, dass er
sich reproduziert – wie ein lebendiger Organismus, der reift und seine
Reife dadurch zeigt, dass er sich fortpflanzt.
Der reife
Glaubende als Multiplikator und die Gemeinde als der Ort, wo Menschen
systematisch auf diesen Prozess vorbereitet und dabei begleitet werden
– so legt es uns das Neue Testament nahe. Ich sehe dabei vor allem drei
Gebiete, wo sich der Glaube fortpflanzt, sozusagen eine dreifach
Stossrichtung der Gemeinde: Die Mission, die Diakonie und die
Spiritualität. An diesen drei Punkten haben wir wie ein Sauerteig in
unsere Gesellschaft hineinzuwirken. Das war schon in der
Apostelgeschichte so, und das hat sich bis heute nicht verändert. (…)
…und Zentren spirituellen Lebens Zur
Spiritualität: Es ist schon merkwürdig. Unsere Zeit «dampft» geradezu
vor Religion – die Leute haben eine ganz ausgeprägte religiöse
Sehnsucht, so sehr, dass sie bereit sind, jedem
duftstäbchenschwingenden Guru hinterherzulaufen und jeden noch so
grossen Mist zu glauben – nur wir als Kirche profitieren nicht davon.
Und das ist für mich ein Ärgernis. Denn ich bin davon überzeugt, dass
Jesus Christus die Antwort auf den spirituellen Hunger unserer Zeit ist.
Aber
die Leute haben keine Ahnung davon, weil das, was sie in unseren
Gemeinden erleben, sie so überhaupt nicht anspricht, ihre religiöse
Sehnsucht so überhaupt nicht trifft, weil sie in dem, was sie bei uns
an Gebet und Spiritualität erleben, so wenig Elan, so wenig Hingabe, so
wenig Begeisterung sehen. Bestenfalls behaupten wir es noch, dass Jesus
die Antwort auf ihre religiöse Sehnsucht ist, erfahrbar wird s für sie
in unseren Gemeinden aber nicht. Und hier müssen wir uns ernsthaft
fragen, ob unsere Gemeinden nicht in viel stärkerem Masse als bisher zu
spirituellen Zentren werden müssen, in denen die Menschen das Beten
lernen, und zwar auf eine Art und Weise, die ihnen gemäss ist, die
ihnen Spass macht und die ihr innerstes Sehnen stillt. Gemeinden als
Zentren und Schulen der Spiritualität – das ist meine Vision! (…)
Vor
allen anderen Aktivitäten müssen wir den Christen in unseren Gemeinden
beibringen, wie sie ein erfülltes, kurzweiliges und leidenschaftliches
Gebetsleben führen können. Nur so können wir das Feuer in unseren
Gemeinden neu entfachen: indem wir den Menschen dabei helfen, mit
Leidenschaft und Hingabe zu beten. Und es hätte eine gewaltige Wirkung
nach aussen, kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen. Auch das
müsste meines Erachtens als Auftragsbeschreibung in Ihre Kirchenordnung!
4. Maximale Befugnisse für die Gemeinde vor Ort… Die
vierte Änderung: Geben Sie den Gemeinden vor Ort ein Maximum an
Entscheidungsbefugnis. Letztlich heisst das nicht mehr und nicht
weniger als: Bauen Sie Hierarchien ab. Lassen Sie die Leute
entscheiden, die die konkrete Arbeit vor Ort tun. Das gilt natürlich
nicht nur für die klassische Ortsgemeinde, sondern auch für alle
anderen kirchlichen Arbeitsbereiche.
Manche von Ihnen werden das
nicht gerne hören, aber die Gemeinden und Arbeitszweige vor Ort
brauchen keine Obrigkeit. Eine hierarchische Ordnung innerhalb der
Kirche ist im Neuen Testament nicht vorgesehen und es hat der Kirche
auf lange Frist mehr geschadet als genutzt, dass sie sich parallel zu
den weltlichen Fürstentümern organisiert hat. Sie als Synode haben die
einmalige Gelegenheit, diese alten Zöpfe abzuschneiden und damit
endgültig den Sprung ins dritte Jahrtausend zu schaffen.
Verstehen
Sie mich recht: Ich bin kein Kongregationalist. Meine Idee ist nicht,
die Grosskirchen abzuschaffen. Aber die Zuordnung muss klar sein: Die
Kirche ist ein Zusammenschluss von Gemeinden. Sie steht nicht über der
Gemeinde. Die Institution Kirche soll Gemeinden nicht behindern,
sondern freisetzen. Wenn Gemeinden bei in ihrem Handeln ständig darauf
achten müssen, dass sie auch ja die Vorschriften der Institution Kirche
recht beachten, dann wedelt der Schwanz mit dem Hund. Denn die
Gemeinden sind nicht dazu da, der Institution Kirche zu dienen, sondern
die Institution Kirche ist dazu da, den Gemeinden zu dienen. (…)
…in fünf Bereichen Nach
meiner Überzeugung wird eine Gemeinde, die nicht mehr pfarrerzentriert
ist, auf Dauer auch keine andere Autorität mehr über sich zulassen. Das
ist konsequent umgesetztes «Priestertum der Gläubigen» auf höherer
Ebene. Sie können dem in ihrer neuen Kirchenordnung Rechnung tragen.
Ich sehe im Wesentlichen fünf Bereiche, in denen unsere Gemeinden
wieder die alleinige Zuständigkeit zurückbekommen müssen:
(1)
Die erste Kompetenz, die eine Gemeinde erlangen muss, ist das Recht auf
eine eigene Profil- und Schwerpunktbildung. Gemeinden müssen die
Möglichkeit haben, sich in ihrem Angebot möglichst unbelastet von
irgendwelchen Vorgaben von aussen eng an den Bedürfnissen ihrer
Mitglieder und ihrer potenziellen Mitglieder zu orientieren. Eine
Gemeinde hat nicht nur das Recht, sondern sollte geradezu verpflichtet
werden, eine eigenes Leitbild für ihre Arbeit zu entwickeln, das
speziell auf die Bedürfnisse und Gegebenheiten vor Ort ausgerichtet
ist. (…)
Die Zeit, dass eine Gemeinde allen Menschen alles
bietet, ist schon lange vorbei! Diese von vielen Kirchenordnungen
transportierte Vorstellung setzt einen weit gehend homogenen
Menschentypus voraus, aus dem sich unsere Gemeinden rekrutieren, den es
zumindest im grossstädtischen Bereich schon seit Jahrzehnten nicht mehr
gibt. Die Antwort auf den enormen Differenzierungsschub, den unsere
Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten vollzogen hat, lautet
«Profilbildung». So könnte ich mir vorstellen, dass sich die eine
Gemeinde stärker politisch engagiert, während die nächste viele
meditative Angebote hat und die dritte ihren Schwerpunkt vielleicht auf
Kirchenmusik setzt usw.
(2) Der «Preis», den wir für eine solche
Profilbildung zu bezahlen haben, ist der, dass die Gemeindegrenzen
aufgelockert werden. Das wäre auch die zweite Änderung: Geben Sie den
Gemeindegliedern eine grössere und leichtere Wahlfreiheit, zu welcher
Gemeinde sie gehören wollen. Die Zeit, dass die Menschen zu der
Gemeinde gehören, in deren Bezirk sie wohnen, ist vorbei. Das Modell
stammt noch aus dem ersten Jahrtausend, wo es noch keine Autos,
Fahrräder oder Strassenbahnen gab. Untersuchungen haben ergeben, dass
Menschen alles, was sie binnen 20 Minuten Fahrtweg erreichen können,
als «nahe» empfinden. (…)
(3) Drittens muss die Gemeinde wieder
die volle Hoheit über das von ihr einzustellende Personal bekommen.
Gerade um ihres eigenen Profils willen muss sie selbst bestimmen
können, wen sie und auf welchem Gebiet sie jemanden einstellen will.
Vorgaben, welche Ausbildung eine hauptamtliche Kraft mitzubringen hat,
müssen radikal gelockert werden. Wenn eine Gemeinde es beispielsweise
sinnvoll findet, eine gelernte Betriebswirtin als Jugendleiterin oder
einen gelernten Bäcker als Pfarrer einzustellen, muss sie dies tun
dürfen. Vorgaben, was die Höhe des Gehaltes anbetrifft, sollten in
Zukunft nur noch den Charakter einer Empfehlung bzw. eines Richtwertes
haben, dürfen aber nicht festgeschrieben werden. Vorgaben, dass
Personal nur aus der eigenen Region – oder gerade auch nicht aus der
eigenen Region kommen darf –, müssen gänzlich gestrichen werden.
(4)
Neben der Personalfrage muss die Gemeinde sehr viel stärker als bisher
die Hoheit über ihre Finanzen zurückgewinnen. Ich bin über die
Verhältnisse in der Schweiz unzureichend informiert. In Deutschland ist
es so, dass nur ein ganz geringer Teil der eingezogenen Kirchensteuern
tatsächlich bei den Gemeinden ankommt. (…)
(5) Fünftens müsste
die Gemeinde die klare Hoheit über die Gottesdienstgestaltung auf ihrem
Gebiet bekommen. Es geht einfach nicht, dass sich Gemeinden mit Agenden
(= Gottesdienstordnungen) herumschlagen, die aus lang vergangenen
Zeiten stammen und darüber mehr und mehr die Menschen des 21.
Jahrhunderts verlieren – nur, weil ihnen das «von oben» so vorgegeben
wird. Auf diese Frage werde ich nachher noch einmal ausführlicher
eingehen, darum belasse ich es bei dieser Bemerkung.
Mir ist
klar, dass dies alles angesichts der heutigen Realität umstürzlerisch
klingt. Ich sage darum ganz deutlich: Das, was ich hier entwickle, ist
ein betont und bewusst volkskirchlicher Ansatz. Ich will, dass unsere
Volkskirche wieder eine Kirche des Volkes und eine Kirche für das Volk
wird – und nicht nur eine Kirche für etwa 5% dieses Volkes. Wenn das
der Fall sein soll, dann muss die Macht in der Kirche aber auch wieder
vom Volke, das heisst von den Gemeinden ausgehen und es nützt überhaupt
nichts, zu sagen: Die Gemeinden sind dazu nicht mündig. Luther und
Zwingli konnten das so sagen, aber nach 500 Jahren protestantischer
Kirche sollten wir in diesem Punkt eigentlich ein bisschen weiter sein
bzw. alle Energien da hineinlegen, dass unsere Gemeinden mündig gemacht
werden, das allgemeine Priestertum, das wir in der Theorie so hoch
schätzen, auch in der Praxis auszuüben.
5. Die Formen des Gottesdienstes freigeben… Die
fünfte Änderung: Geben Sie die gottesdienstlichen Formen frei. (…) Es
ist ein ganz und gar unerträglicher Zustand, dass unsere Gottesdienste
seit Jahrzehnten und teilweise sogar schon seit Jahrhunderten weit
gehend nach dem gleichen Strickmuster verlaufen, während sich die
Menschen um herum permanent verändern. Das hat nichts damit zu tun,
dass die Kirche ein Ort der Verlässlichkeit ist, sondern ist
schlichtweg inflexibel und rückwärts gewandt. So können heute immer
weniger Menschen etwas mit unseren Gottesdiensten anfangen.
In
Deutschland bleiben in grösseren Städten rund 98% unserer Mitglieder
und 99% der Bevölkerung dem Gottesdienst fern. Auf bessere Zahlen kommt
man nur noch in Gegenden, in denen eine hohe Traditionsverbundenheit
vorherrscht, also vor allem in ländlichen oder konfessionell stark
geprägten Gebieten. Aber auch da nimmt die Verbundenheit mit dem
Gottesdienst ab. Der Einheitsgottesdienst früherer Zeiten wird mehr und
mehr zur Nischenveranstaltung für einen winzig kleinen Teil unserer
Bevölkerung. (…)
Natürlich wollen wir keinen Menschen
ausgrenzen, aber unsere Gottesdienste entpuppen sich bei näherem
Hinsehen als Zielgruppenveranstaltungen für ältere Menschen des
gehobenen Bürgertums. Das ist an und für sich nichts Schlimmes, aber
wir sollten es endlich zugeben – und uns überlegen, was wir den vielen
anderen Menschen anbieten wollen! Denn auch innerhalb der älteren
Generation wächst die Anzahl derer, die mit dieser Form von
Gottesdienst nichts mehr anzufangen weiss. Derzeit bieten wir 95% der
Gottesdienste für nicht einmal 5% unserer Mitglieder an – und das halte
ich innerhalb einer Volkskirche für ganz und gar unerträglich!
Die
derzeitige Gottesdienstkrise hat verschiedene Ursachen. Wenn wir hier
auf einer Gottesdiensttagung wären, würde ich gerne mit Ihnen über die
theologischen Ursachen dieser Krise reden. Ich glaube, dass viele
Gottesdienste schlecht besucht werden, weil die Theologie, die dort
verbraten wird, einfach schlecht ist. (…)
…damit er in den Alltag hineinspricht… Aber
wenn Sie die Leute auf der Strasse fragen, warum sie nicht in die
Kirche gehen, bekommen sie in der Regel nämlich nicht die Antwort: «Die
Theologie, die der Pfarrer vertritt, ist nicht besonders gut.» Sondern
Sie hören einen Satz wie «Das sagt mir alles nichts. Das spricht mich
nicht an. Das geht an meinen Bedürfnissen und meinem Lebensgefühl
völlig vorbei. Anderen mag das etwas sagen, aber für mich ist das alles
ziemlich langweilig.»
Das ist der entscheidende Punkt: Die Leute
finden den Gottesdienst langweilig, weil er mehr oder weniger
haarscharf an ihrem Lebensgefühl vorbeigeht. Gottesdienste aber, die
Menschen inspirieren wollen, müssen deren Lebensgefühl ansprechen! Da
haben Sie als Reformierte uns Lutheranern zwar eine Menge voraus. Sie
schleppen nicht diesen Jahrhunderte alten liturgischen Ballast mit sich
herum, den kaum ein Mensch heute mehr nachvollziehen kann und der ein
gewaltiges Hindernis dazu ist, dass Leute bei uns in Deutschland in die
Gottesdienste kommen. Aber auch Sie müssten Ihre Gottesdienste einmal
daraufhin «abscannen». Setzen Sie sich mal in einen Gottesdienst und
betrachten Sie ihn – nicht mit den Augen eines Insiders, sondern eines
kirchendistanzierten Menschen: Was von dem, was hier passiert und
gesagt wird, wirkt auf ihn einladend und was wirkt eher befremdend?
Angefangen von der Gestaltung des Raumes über die Atmosphäre, die vor,
während und nach dem Gottesdienst herrscht, über die Art und Weise, wie
die Leute sich kleiden, welche Musik gespielt wird, auf welche Weise
der Pfarrer mit den Gottesdienstbesuchern kommuniziert usw.
…und die Menschen in ihrem Lebensgefühl abholt Menschen
besuchen ja nicht nur Gottesdienste, sondern auch andere Feiern und
Veranstaltungen – und sie schauen viel fern. Dort haben sich bestimmte
Formen und Gestaltungselemente herausgebildet, die die Menschen heute
kennen und schätzen. Ich denke etwa an Talkelemente, Interviews,
Videoclips, kurze Theaterstücke, Moderation, Publikumsbeteiligung und
vor allem natürlich an den Einsatz moderner Musik. Das ist heute
allgemeiner Standard. Das braucht es, damit sich die Leute wohl fühlen.
Und es widerspricht auch nicht der Botschaft des Evangeliums.
Ich
frage mich darum: Wo haben diese Elemente in unserem Gottesdienst ihren
Platz? Warum kann man dem Prediger keine Rückfragen stellen? Warum ist
der Gottesdienst überwiegend auf eine Person zugeschnitten, während die
Fülle der Gaben der Gemeinde brachliegt – obwohl nicht nur das Neue
Testament, sondern auch das Lebensgefühl des modernen Menschen eine
andere Vorgehensweise nahe legen? Warum können moderne Menschen Gott
nicht mit der Musik loben, die ihrem Herzschlag entspricht und die sie
auch im Radio hören? Und warum ist unser evangelischer Gottesdienst
immer noch überwiegend auf das Hören ausgerichtet, während unsere
Gesellschaft schon seit Jahrzehnten primär auf optische Impulse
reagiert, also auf Bilder, Fernsehen, Video usw.? (…)
Das heisst
nicht: den alten Gottesdienst abschaffen. Die nähere Zukunft des
Gottesdienstes liegt meiner Meinung nach in einem mehrgleisigen
Gottesdienstkonzept. Solange noch eine qualifizierte Anzahl von
Menschen die alte Art des Gottesdienstes liebt und besucht, soll er
ruhig weitergeführt werden (freilich mit einigen Modifikationen), aber
gleichzeitig ist unter Hochdruck an der Entwicklung neuer
Gottesdienstformen zu arbeiten, mit denen man wenigstens einen Teil der
Menschen zurückgewinnt, die man über die alten Gottesdienstformen schon
lange nicht mehr ansprechen kann. Und wir sollten uns nichts vormachen:
Diese neuen Gottesdienste werden die Gottesdienste der Zukunft sein.
Das ist eine Entwicklung, die ohnehin kommen wird, und keine Verordnung
«von oben» sollte sie künstlich aufhalten, denn mit jedem Jahr
verlieren wir mehr Menschen. Darum sollte es den Gemeinden ab sofort
freigegeben werden, welche Art von Gottesdiensten sie anbieten will und
welche nicht. (…)
6. Der Gemeinde ihre Urgestalt wieder geben: eine Ellipse… (…)
Ich glaube hinlänglich unter Beweis gestellt zu haben, dass der
Gottesdienst meine persönliche grosse Leidenschaft ist. Für nichts sind
wir in Niederhöchstadt so bekannt wie für unsere Gottesdienste. Und
trotzdem halte ich das Bild vom Gottesdienst als dem alles
beherrschenden Mittelpunkt des Gemeindelebens in dieser Einseitigkeit
für falsch.
Das neutestamentliche Gemeindeleben hat nämlich zwei
gleichberechtigte Mittelpunkte: Die gottesdienstliche Feier und die
Hausgemeinschaft. Das ist die eigentümliche Doppelstruktur, die sich
die erste Gemeinde gegeben hat, sozusagen ihre Urgestalt: Sie
beschreibt keinen Kreis, der sich um eine Mitte dreht, sondern eine
Ellipse mit zwei Mittel- bzw. Brennpunkten. So traf sich die Urgemeinde
auch an zwei verschiedenen Orten: Im Tempel und in den Häusern.
…mit Gottesdiensten als dem einem Brennpunkt… Im
Tempel feierten sie die Gottesdienste. Genau gesagt: In den Vorhöfen
dieses Tempels. Dort kamen Tausende von Menschen zusammen. Zur Feier
der Liebe Gottes, zu grossen «Happenings», zu inspirierenden,
begeisternden und beflügelnden Grossveranstaltungen. Diese Feier der
Liebe Gottes im grossen Kreis ist durch nichts zu ersetzen und darum
gilt der Gottesdienst bis heute als die zentrale und wichtigste
Veranstaltung einer Gemeinde.
Freilich wird ein von vielen
Menschen besuchter Gottesdienst immer zwei Schwachstellen aufweisen:
Unpersönlichkeit und Unverbindlichkeit. Das heisst: Je grösser der
Gottesdienstbesuch wird, desto leichter geht der Einzelne dabei
verloren, umso schwerer findet man Kontakt zu anderen, umso einfacher
kann man sich aber auch dem Anspruch entziehen, der von dem
Gottesdienst ausgeht.
Unpersönlichkeit und Unverbindlichkeit
sind die beiden Kräfte, die mit dem Wachstum einer Gottesdienstgemeinde
einhergehen und ihm gleichzeitig entgegenwirken. Sie sorgen «auf
natürliche Weise» dafür, dass dieses Wachstum nie zu gross wird. Denn
wenn man im Gottesdienst mit niemandem Gemeinschaft hat und sich den
Konsequenzen des Evangeliums immer wieder «erfolgreich» entziehen kann,
wird man ihn über kurz oder lang nicht mehr besuchen. Das ist einer der
Gründe, warum der Gottesdienstbesuch in vielen Gemeinden spätestens bei
der «Schallgrenze» zwischen 80 und 100 aufhört zu wachsen: Ab dieser
Zahl wird es unpersönlich. Und ohne persönliche Beziehungen gibt es
auch keine Verbindlichkeit.
…und Hausgemeinschaften als dem andern Die
Alternative kann freilich nicht lauten, sich mit kleinen Gottesdiensten
zufrieden zu geben oder gar die theologische Bedeutung des
Gottesdienstes herunterzuspielen. Die Gemeinde muss vielmehr
Mechanismen einbauen, die der drohenden Unpersönlichkeit und
Unverbindlichkeit entgegenwirken. Die Struktur, die das Neue Testament
zu diesem Zweck anbietet, ist die der Hausgemeinschaft. Die ersten
Christen trafen sich eben nicht nur im Tempel, sondern auch «in den
Häusern». Sie trafen sich zu grossen Veranstaltungen und in kleinen
Gruppen. Die Pointe dabei ist, dass das eine das andere bedingte. Die
gut besuchten Feiergottesdienste regten viele Menschen an, sich einer
Hausgemeinschaft anzuschliessen. Die Hausgemeinschaften wiederum trugen
erheblich zur Verlebendigung des Gottesdienstes bei.
Zugespitzt
gesagt: Grosse Gemeinden kann es nur als ein Netzwerk kleiner,
lebendiger Zellen geben. Wenn sie im Grossen (= im Gottesdienst)
wachsen will, muss sie auch im Kleinen (= in den Kleingruppen) wachsen.
Die Amerikaner sagen: «You can only grow bigger if you grow smaller.»
Eine Gemeinde kann nur grösser werden, wenn sie gleichzeitig auch
kleiner wird. Die Kirche wird grösser durch grosse Veranstaltungen,
Gottesdienste, Feste, Evangelisationen usw. Im Kleinen hingegen wächst
sie durch lebendige, verbindliche Gemeinschaft in hauskreisähnlichen
Kleingruppen.
Diese doppelte Struktur war für die Gemeinden in
den ersten Generationen noch selbstverständlich. Im Laufe der
Kirchengeschichte ist der eine Aspekt dieser «Doppelstrategie» jedoch
mehr und mehr verloren gegangen. An die Stelle der Hauskirchen sind die
Kirchenhäuser getreten. Heute sagen wir: «Der Gottesdienst ist die
Mitte der Gemeinde.» Im Neuen Testament aber waren die Häuser zusammen
mit den Gottesdiensten die Mitte der Gemeinde – und zwar nicht nur in
der Apostelgeschichte (Apostelgeschichte 2,46; 8,3; 16,40; 20,20),
sondern auch in den Briefen (Römer 16,5; 1. Korinther 16,19; Kolosser
4,15 u.a.).
Ich halte es für keinen Zufall, dass nahezu alle
grossen, gut besuchten Gemeinden, die ich kenne, ein mehr oder minder
reges Hauskreissystem vorzuweisen haben. Eine statistisch nachgewiesene
Regel besagt: Wenn nicht mindestens die Hälfte aller
Gottesdienstbesucher einen Hauskreis oder eine ähnlich geartete
Kleingruppe besucht, hört eine Gemeinde auf, zu wachsen. Die
Kerngemeinde fängt an, im eigenen Saft zu schmoren, verliert an
Dynamik, Liebe und missionarischer Kraft. Hauskreise sind zwar – wie
wir noch sehen werden – kein Allheilmittel gegen diese Entwicklung,
aber ohne ein Netzwerk lebendiger, ganzheitlicher, spiritueller
Kleingruppen gibt es kein dauerhaftes Gemeindewachstum im Grossen. Das
Haus der Kirche kann nur wachsen, wenn die Kirche in den Häusern wächst.
An
dieser Stelle müssen wir erheblich umdenken. Denn ich kenne keine
einzige deutsche Kirchenordnung, in der Hauskreise überhaupt erwähnt
werden, geschweige denn, dass sie als konstitutiv für die Gemeinde
angesehen werden. Den Preis zahlen wir mit einer Vielzahl von
Gemeinden, die weit unterhalb ihres Potenzials leben. (…) Ich bin davon
überzeugt: Die Gemeinde der Zukunft wird nicht mehr Hauskreise oder
ähnliche Kleingruppen haben. Sie wird aus solchen Kleingruppen
bestehen. (…)
7. Gemeindestrukturen radikal vereinfachen… Die siebte Änderung: Vereinfachen Sie die gemeindlichen Strukturen – und zwar radikal.
Bei
meinen Reisen durch die USA besuchte ich über ein Dutzend grosser und
lebendiger Gemeinden aller möglichen Konfessionen. Dabei fragte ich die
leitenden Pastoren nach ihrem «Erfolgsrezept». Immer wieder stiess ich
auf den Satz: «Keep the structures simple.» («Halte die Strukturen
möglichst einfach.») Während bei uns in scheinbarer Logik die
Komplexität des Regelsystems mit der Anzahl der Leute und
Arbeitsbereiche zunimmt, sagen diese erfahrenen Pastoren: «Damit macht
ihr eure Gemeinden kaputt! Je mehr Leute und Bereiche es zu regeln
gilt, desto einfacher und simpler müssen die Strukturen werden.» Der
Erfolg gibt ihnen Recht – und widerlegt all unsere Bedenken, dass so
etwas nicht gut gehen könne.
Was unsere innergemeindlichen
Strukturen betrifft, lautet das Motto der Zukunft: grösstmögliche
Vereinfachung. Möglichst viel Ballast abwerfen! Was nicht einfach geht,
geht einfach nicht. Darum bitte ich Sie: Entlasten Sie die Gemeinden
von 80% der bestehenden Regeln! Wir Menschen haben die Tendenz,
einfache Dinge zu komplizieren. Was mit Gottes Zehn Geboten begann,
walzte sich schon im mosaischen Gesetz in über 600 Einzelgebote aus.
Das Spätjudentum verfasste dazu eine Fülle von Kommentaren zu diesen
Geboten und Gesetzen. Dies alles geschah in der wohlmeinenden Absicht,
den Menschen zu helfen und ihnen eine Orientierung zu geben. Aber
gerade damit erstickte man das Leben. Zu viele Regeln strangulieren das
Leben, auch wenn sie noch so gut gemeint sind. Sie ersticken das Leben
deshalb, weil alle Regeln im Grunde nur zwei Fragen zulassen: Ja oder
nein. Es gibt da keinen Raum für Ausnahmen, Spontaneität, Humanität und
echtes, abwechslungsreiches Leben. Und vor allem gibt es keinen Raum
für Weiterentwicklung. Und das ist ein Problem.
Strukturen und
somit auch Kirchengesetze sind naturgemäss an den Erfahrungen der
Vergangenheit orientiert. Das aber reicht nicht aus, um die
Herausforderungen von morgen zu meistern. Hier brauchen wir in der
Kirche entweder flexiblere Ordnungen oder einen flexibleren Umgang mit
den bestehenden Ordnungen. Jesus selbst hat uns das vorgelebt. Er
sagte: «Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der
Mensch um des Sabbats willen» (Markus 2,27) (…) Die Struktur muss dem
Leben dienen.
…und die Kirchenordnung um 80 Prozent abspecken Auf
unsere Kirche bezogen bedeutet das: Wir müssen uns angewöhnen, die
vorhandenen kirchlichen Strukturen streng von ihrer «Zweckmässigkeit»
her zu betrachten. Alle kirchlichen Ordnungen und Strukturen müssen
dazu dienen, dass sich in den Gemeinden möglichst viel Leben entfalten
kann und dass Gottes Reich weltweit wächst. Sie tragen ihren Sinn nicht
in sich selber. (…)
Strukturen, die befolgt sein wollen, obwohl
ihr Nutzen für die gesunde Entwicklung der Gemeinden mittlerweile
fragwürdig geworden ist, werden mehr und mehr zum
Gemeindeaufbauhindernis, und sei es auch nur dadurch, dass ihre
Befolgung Zeit kostet und die Ausbildung neuer, kreativer Formen
verhindern. Sie wirken wie Sandsäcke, die aussen an einem
Heissluftballon hängen und ihn daran hindern, abzuheben und zu fliegen.
Darum
bitte ich Sie dringend: Wenn Sie eine neue Kirchenordnung entwickeln,
sehen Sie zu, dass diese im Vergleich zur vorigen um mindestens 80%
abgespeckt ist. Regeln Sie nur das, was wirklich geregelt werden muss.
Strukturen müssen prinzipiell «weich» sein. Das heisst, sie müssen
flexibel bleiben, damit sie auf neue Herausforderungen adäquat
reagieren können, und dürfen ihren dienenden Charakter nicht verlieren.
(…)
Vorangehen in Europa – mit einem Traum von Kirche Meine
Damen und Herren, ich bin am Ende meines Vortrags. Ich bin mir dessen
bewusst, dass ich Ihnen viel zugemutet habe. Nicht nur an Stofffülle,
sondern vor allem inhaltlich. Nehmen Sie es positiv: Ich mute Ihnen das
nicht nur zu, ich traue es Ihnen auch zu. Die Tatsache, dass Sie Ihr
Kirchengesetz ändern, katapultiert Sie – ob Sie es wollen oder nicht –
mit einem Schlag an die Spitze der kirchlichen Entwicklung in Europa.
Sie werden es erleben: auch die anderen kommen um gravierende
Änderungen nicht herum und alle Augen werden auf Sie schauen, die
Vorreiter, wie Sie es gemacht haben – und ich möchte, dass Sie diese
Chance nutzen!
Ich weiss, dass die gemeindliche Realität
vielerorts völlig anders aussieht als ich Ihnen das skizziert habe. Man
hat mir mehr als einmal vorgeworfen, ich sei ein Träumer. Ich verstehe
das aber nicht als Vorwurf, sondern nehme das als Kompliment. Ich bin
Gemeindepfarrer, ich kenne die Realität. Ich habe Dutzende von
Gemeinden in ihrem Veränderungsprozess begleitet, ich weiss, wie es in
den Gemeinden aussieht. Aber ich glaube dieser Realität nicht.
Eine neue Realität träumen Ich
glaube vielmehr an eine neue Realität, die sich gegenüber der heutigen
Realität durchsetzen wird. Ich glaube an eine Realität Gottes, die
kommen wird und die in unseren Gemeinden den Anfang nehmen wird. Der
Hebräerbrief definiert Glauben als eine «feste Zuversicht auf das, was
man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.»
Zuversicht auf etwas haben, was man nicht sieht, das nennt man
allgemeinhin «träumen». Die Bibel nennt es Glauben. Insofern glaube
ich, dass den Träumerinnen und Träumern die Zukunft gehört – auch und
gerade in der Kirche. Bitte lassen Sie sich daher in Ihren Überlegungen
zur Änderung Ihrer Kirchengesetze nicht von irgendwelchen Nöten und
Sachzwängen leiten, sondern vor allem von Ihren Träumen, von Ihrem
Traum von Kirche. Ich danke Ihnen.
Webseite der Kirchgemeinde von Pfr. Dr. Klaus Douglass www.andreasgemeinde.de
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